Legio VI Victrix

Während des Bataveraufstandes wurde die Legion im Winter 69/70 n. Chr. von Spanien aus an den Rhein verlegt, wo sie bis um die Jahrhundertwende das Legionslager von Novaesium (Neuss) und danach das Legionslager Vetera II bei Xanten bezog. Dort blieb sie bis spätestens zum Jahre 122 n. Chr., als sie unter Hadrian nach Eburacum (York) in Grossbritannien verlegt wurde.

- Geschichte der Legio VI -

Gegen Kelten, Römer und andere Feinde: Caesars ruhmreiche Sechste
Victrix / Hispania: "Salve Galba Imperator noster!"
Victrix / Germania: Eine Legion im Heer des Cerialis
Victrix / Germania: Die pflichtbewusste treue domitianische
Victrix / Britannia: Clodius Albinus; auf das falsche Pferd gesetzt
Victrix / Britannia: Vom Tod in Eburacum bis zur Zeit der Sezessionen
Victrix / Britannia: Spuren ins Dunkel der Geschichte

- Gegen Kelten, Römer und andere Feinde: Caesars ruhmreiche Sechste -

"Quintum Tullium Ciceronem et
Publium Sulpicium Cavalloni et
Matiscone in Haeduis ad Ararim
rei frumentariae causa conlocat."

"Quintus Tullius Cicero und Publius Sulpicius
postierte er zur Sicherung der Getreidezufuhr
nach Cavillonum und Matiso an die Saone
ins Gebiet der Haeduer."

(Caesar: De bello Gallico VII; 90,7)

So beschreibt Gaius Iulius Caesar in Gallischen Krieg die Verteilung einiger Truppenkontingente für den Winter des Jahres 52 v.Chr.. Unter diesen Armeeinheiten befand sich auch Caesars Legio VI. Diese Legion dürfte wohl mit einiger Sicherheit die Grundlage für zwei spätere Legionen gebildet haben, die Legio VI Ferrata und die Legio VI Victrix. Ihre erste namendliche Erwähnung findet sie im achten Buch des Gallischen Krieges, wo Caesar den Legionen XIV und VI den Marschbefehl aus ihren Winterlagern an der Saone zukommen läßt (Bell. Gall. VIII 4,3).

Im römischen Bürgerkrieg gegen Pompeius (49 - 46 v.Chr.) kam es im Jahre 48 v.Chr. zu zwei großen Schlachten. Nach einer Niederlage bei Dyrrhachium (Durazzo), die Pompeius nicht ausnutzte, siegte Caesar am 9.8.48 v.Chr. entscheidend bei Pharsalos. Die Legio VI war stets an Caesars Seite. Gaius Suetonius Tranquillus (70 - 146 n.Chr.) beschreibt in heroischer Verklärung, wie eine einzige Cohorte der Legio VI bei Dyrrhachium als Besatzung eines Castells stundenlang die Angriffe von vier pompeischen Legionen abwehrte, bis sie schließlich durch Pfeilgarben von hundertdreißigtausend Pfeilen fast völlig vernichtet wurde (Sueton: Caesar, 68).

Auch in der Schlacht von Pharsalos war die sechste Legion zu finden. Unter dem Kommando des Decimus Calvinius bildete sie zusammen mit zwei neu ausgehobenen Legionen die Mitte von Caesars Schlachtaufstellung. Nach seiner verheerenden Niederlage bei Pharsalos, bei der er wohl etwa 6000 bis 10000 Mann verloren hat, floh Pompeius nach Ägypten. Mit zwei Legionen, einer die ihm aus Thessalien gefolgt war und einer die er aus Achaia von seinem Legaten Quintus Fufius hinzugezogen hatte, setzte Caesar dem Pompeius nach Ägypten nach. Dort angekommen erfuhr er von dessen Ermordung durch den Hof König Ptolemäos des VIII. Im sich anbahnenden Konflikt mit den Ägyptern, dem sogenannten Alexandrinischen Krieg (48 - 47 v.Chr.), standen Caesar seine beiden mitgebrachten Legionen als primäre Machtmittel zur Seite. Bei jener aus Thessalien mitgebrachten Legion handelte es sich wieder um die Legio VI, die zu diesem Zeitpunkt schon eine aus Veteranen bestehende Einheit war.

Nach erfolgreicher Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen in Ägypten und der Einsetzung Cleopatras der VII. zur König, begab sich Caesar nach Kleinasien. Im Schatten des römischen Bürgerkrieges hatte dort Phanarces von Pontus, der Sohn des Mithridates VI. Eupator, versucht das Reich seines Vaters wieder aufzubauen. Am 12.6.47 v.Chr. trafen die beiden Heere bei Zela zur entscheidenden Schlacht aufeinander. Bedingt durch die vorangegangenen Kriege zählte die sechste Legion zu diesem Zeitpunkt anscheinend nur noch unter 1000 Mann. Nach einem wagemutigen Überraschungsangriff des Phanarces gelang es Caesar dennoch mit dieser von ihm selbst befehligten Legion die feindlichen Truppen zurückzudrängen und damit den Weg zum Sieg zu eröffnen (Bellum Alexandrinum 69,1 - 76,1). "Veni, vidi, vici ", ließ Caesar nach Rom verkünden, um die Kürze dieses Asien-Feldzuges entsprechend herauszustreichen.

Wohlverdient wurden die Veteranen der VI. Legion nach diesem Krieg in Arelate (Arles) in Südgallien angesiedelt. Die Veteranenkolonie wurde später Iulia Paterna Arelatensium Sextanorum genannt. Als es im Jahre 45 v.Chr. zum Krieg mit den Söhnen des Pompeius in Spanien kam, ist jedoch möglicherweise seine Legio VI dem Iulius Caesar noch einmal in den Krieg gefolgt. Die Namen der beiden aus ihr später hervorgegangenen Legionen, die Legio VI Ferrata (Die Eiserne) und die Legio VI Victrix (Die Siegreiche), setzten dieser ruhmreichen Legion Caesars ein Denkmal.

- Victrix / Hispania: "Salve Galba Imperator noster!" -

Zur Zeit des Zweiten Triumvirats zwischen Octavianus, Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus (Triumviri rei publicae constituendae ab dem 11.11.43 v.Chr.) existierten, wohl schon kurze Zeit nach der Doppelschlacht gegen die Caesarmörder bei Philippi (42 v.Chr.), bereits die beiden Folgelegionen der ehemaligen Legio VI. Da die Legio VI Ferrata später unter dem Befehl des Marcus Antonius gekämpft hat, ist es höchstwahrscheinlich, dass die im Heer des Octavian im Perusinischen Krieg ( 41 - 40 v.Chr.) gegen Lucius Antonius, den Bruder des Marcus, nachgewiesene Legio VI, die Legio VI Victrix gewesen ist. So hat sie wohl auch im Krieg zwischen Octavianus und Marcus Antonius (Krieg gegen Ägypten 32 - 30 v.Chr.) auf der Seite Octavians gekämpft.

Mit dem Principat des Octavianus Augustus (27 v.Chr. - 14 n.Chr.) begann für die Legio VI Victrix ihre Stationierungszeit in Spanien. Dort hat die Legion sich wohl aktiv an der Niederschlagung des Aufstandes der Contaberer und Asturer (25 - 24 v.Chr.) in Nordwestspanien beteiligt. Das Standlager der sechsten Victrix auf der Iberischen Halbinsel ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass es in Gallaetia (Hispania citerior) gelegen haben muß. Anscheinend handelte es sich dabei um ein Doppellegionslager, daß sich die Legio VI Victrix, laut Strabon, mit der Legio X Gemina geteilt hat. In den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts n.Chr. sind für Spanien erneute Aufstände der Asturer belegt, zu deren Beendigung die Siegreiche wiederum ihren Beitrag geleistet hat.

Unter der Regierung Neros (54 - 68 n.Chr.) erhielt die Legio X Gemina im Jahre 62/63 n.Chr. einen Marschbefehl von Spanien nach Pannonien, wo sie in Carnuntum an der Donau den Platz der in den Osten abkommandierten Legio XV Apollinaris einnahm. Durch den Abzug der zehnten Gemina blieb die Legio VI Victrix in den Jahren 63 bis 68 n.Chr. die einzige Legion in Spanien. Ihre kriegerische Betätigung in dieser Zeit erstreckte sich wohl nur darauf örtlich begrenzte Erhebungen zu unterdrücken.

Im Jahre 68 n.Chr. schlossen sich Marcus Salvius Otho, der Statthalter von Lusitanien und Servius Sulpicius Galba, der Statthalter der Hispania Taraconensis, dem Aufstand des Gaius Iulius Vindex, des Statthalters der Gallia Lugdunensis, gegen Nero an. Da Vindex selbst es ablehnte gegebenenfalls Kaiser zu werden, ließ sich Galba am 2.4.68 n.Chr., gestützt auf die einzige ihm in Spanien zur Verfügung stehende Legion, die Legio VI Victrix, in Carthago Nova zum "Legaten des Senats und des römischen Volkes" ausrufen. Nach seiner Ausrufung begann Galba sofort damit, seine militärische Stärke zu vergrößern, indem er in Spanien eine neue Legion aushob, die ihn dann, nach Neros Tod und seiner Bestätigung zum Augustus durch den Senat, nach Rom begleitete. Um die ihm ergeben gewesene sechste Legion zu ehren gab Galba der neuen Legion die Anschlußnummer VII und erhielt später den Namen Legio VII Gemina.

Nach Galbas Ermordung und nachdem auch der ihm als Kaiser gefolgte Otho nach einer schweren Niederlage gegen die rheinischen Truppen des Vitellius am 17.4.69 n.Chr. bei Bedriacum Selbstmord begangen hatte, fiel die Kaiserwürde vom April bis zum Dezember des Jahres 69 n.Chr. an Aulus Vitellius. Im Juli des Jahres 69 n.Chr. fielen die römischen Truppen in Ägypten, Syrien und Judaea von Vitellius ab und riefen Titus Flavius Vespasianus zum Kaiser aus. Die Donauarmee schloß sich im August ihrem Beispiel an und zog unter dem Befehl des Marcus Antonius Primus nach Italien, wo sie ebenfalls bei Bedriacum nahe Cremona die Truppen des Vitellius entscheidend schlug. Nach dieser Schlacht schlossen sich auch die spanischen Legionen der vespasianischen Seite an.

Nach dem Regierungsantritt Vespasians wurden noch im Winter 69/70 n.Chr. starke Streitkräfte zusammengezogen, um den im Schatten der Praetendentenkämpfe am Rhein ausgebrochenen so genannten Bataveraufstand niederzuwerfen. So erhielt unter anderem auch die Legio VI Victrix den Befehl, an den Rhein zu marschieren. Circa ein Jahrhundert hatte sie in Spanien zugebracht. Über einen Einsatz außerhalb der Iberischen Halbinsel ist in dieser ganzen Zeit nichts bekannt. Wie stark die Identifikation der Legio VI Victrix mit Hispania gewesen zu sein scheint, zeigt die Tatsache, daß die Einheit anderen Ortes auch mit dem Namen Legio VI Hispana bezeichnet wurde.

- Victrix / Germania: Eine Legion im Heer des Cerialis -

Die Situation am Rhein war für die Römer bedrohlich geworden. Der Bataverhäuptling Iulius Civilis, der eine Ausbildung in der römischen Armee genossen hatte, hatte sich im Jahre 69 n.Chr. die Krise um die römische Kaisernachfolge zu Nutzen gemacht und die germanischen Hilfstruppen an der Rheingrenze in den Aufstand gegen Rom geführt. Ihm schlossen sich bald auch andere Germanenstämme am Rhein, darunter auch rechtsrheinische Germanen, an. Diese Empörung scheint eine gewisse Signalwirkung ausgeübt zu haben, denn kurze Zeit später erhoben sich auch die Treverer unter ihren Anführern Iulius Tutor und Iulius Classicus. Die vorhandenen Truppen der römischen Armee am Rhein konnten dem Druck nicht standhalten. Den belagerten Kastellen blieb schließlich nur die Übergabe. Nur Mogontiacum (Mainz) und Vindonissa (Windisch) konnten sich halten. Alle Lager nördlich von Mainz wurden von den Aufständischen zerstört. Ein großer Teil der römischen Rheinarmee kapitulierte und leistete dann sogar teilweise den Aufrührern die Gefolgschaft. Im Jahre 70 n.Chr. proklamierten die drei Anführer der erfolgreichen Empörer in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) ein Imperium Galliarum (Gallisches Reich).

Dies war die Lage, in der Quintus Petillius Cerialis mit dem Oberbefehl über die aus vielen Reichsteilen zusammengezogenen Truppen betraut wurde. Sein Auftrag, den er mit dem Sieg in zwei großen Schlachten erfüllte, war die Niederschlagung des Aufstandes. Laut Tacitus erreichte die Legio VI Victrix das Heer des Cerialis nach der für die Römer erfolgreichen ersten Schlacht bei Trier und trug zusammen mit zwei weiteren ankommenden Legionen zu dessen Verdoppelung bei (Tacitus: Historiae V,14). Der geschlagene Civilis hatte sich unterdessen in die Gegend von Xanten zurückgezogen, um seine Kräfte neu zu mobilisieren. Cerialis setzte dem Gegner mit seiner Armee nach und stellte ihn auch schließlich, wohl im Juli des Jahres 70 n.Chr., bei Xanten zur entscheidenden Schlacht. Vor der Schlacht spornte Cerialis seine Truppen noch einmal an, indem er die Legionen an ihre vollbrachten oder zukünftigen Ruhmestaten erinnerte. So hob er bei der Legio VI Victrix den Umstand hervor, daß Galbas Kaiserherrschaft im wesentlichen dieser Legion zu verdanken gewesen sei (Tacitus: Historiae V,16 ).

Durch einen Geschoßhagel und einen anschließenden Sturmangriff gelang es den Aufständischen, die römischen Auxiliareinheiten zurückzudrängen. Der Einsatz der Legionstruppen brachte jedoch den Angriff zum stehen. Nachdem zwei Alae von einem Überläufer geführt die Feinde umgangen hatten, schlug ein Frontalangriff der Legionen die Einheiten des Civilis in die Flucht (Tacitus: Historiae V,17 - 18 ). Auch nach der Schlacht verübten die Aufständischen unter Civilis, obwohl sie entscheidend angeschlagen nach Norden ausweichen mussten, Angriffe auf die römischen Armeeinheiten am Rhein. Erst nach der Verwüstung der Bataverinsel durch Cerialis und erneutem Ausweichen des Civilis, kam es im Winter 70/71 n.Chr. zu einer endgültigen Beilegung des Konfliktes durch Verhandlungen.

Nach der Niederwerfung des Aufstandes mußte die Rheinarmee von Vespasian völlig neu organisiert werden. Nach dieser Neuorganisation des germanischen Heeres standen schließlich vier, kurz darauf fünf Legionen im obergermanischen und vier Legionen im niedergermanischen Heeresbezirk. Zu diesen letzteren gehörte auch die Legio VI Victrix. Schon gegen Ende des Jahres 70 n.Chr. hatte man damit begonnen, die von den Aufständischen zerstörten Kastelle wieder aufzubauen. So errichtete auch die sechste Legion die ihr als zukünftiges Standlager zugewiesene Legionsfestung Novaesium (Neuss) wieder neu. Ziegelfunde mit Legionsstempeln belegen ihre Aktivitäten. Auch waren Abteilungen der Legion mit dem Abbau von Tuffstein als Baustoff im Brohltal beschäftigt. Im Frühsommer des Jahres 73 n.Chr. errichtete die Legio VI Victrix schließlich an der Stelle der entscheidenden Schlacht bei Vetera ein Denkmal, welches fortan vom römischen Sieg über die Ambitionen und Hoffnungen des Civilis kündete.

- Victrix / Germania: Die pflichtbewusste treue domitianische -

Eine Erhebung der Brukterer im Jahre 77 n.Chr. wurde von Gaius Rutilius Gallicus, dem Befehls- haber der niederrheinischen Truppen niedergeworfen. An dieser Aktion wird wohl auch die Legio VI Victrix beteiligt gewesen sein. Unter der Herrschaft Domitians (81 - 96 n.Chr.) kam es im Jahre 88/89 n.Chr. erneut zu einer Revolte. Gestützt auf die zwei in Mogontiacum (Mainz) stationierten Legionen, die Legio XIV Gemina und die Legio XXI Rapax, lehnte sich der obergermanische Befehlhaber Gaius Antonius Saturninus gegen Domitian auf. Auch die Chatten schlossen sich diesem Aufstand an. Der Befehlshaber der niedergermanischen Legionen, Bucius Lappius Maximus, setzte daraufhin seine Truppen Richtung Mainz in Marsch. In der entscheidenden Schlacht bei Rigomagus (Remagen) überwand das niedergermanische Heer die Einheiten des Saturninus, der selber im Verlauf der Niederschlagung seines Aufstandes ums Leben kam. Das Doppellegionslager von Mogontiacum wurde nach dem Aufstand aufgelößt. Die Legio XXI Rapax wurde wohl noch im Jahre 89/90 n.Chr. an die Donaugrenze strafversetzt, die Legio XIV Gemina folgte ihr anscheinend erst zwei Jahre später. Den ihm ergeben gewesenen Legionen des niedergermanischen Heeres jedoch verlieh der dankbare Kaiser im Jahre 89 n.Chr. den Ehrentitel: "Die pflichtbewußte treue Domitianische". So hieß auch die sechste Legion fortan "Legio VI Victrix pis fidelis Domitiana".

Etwa um die Jahrhundertwende vom ersten zum zweiten Jahrhundert n.Chr. wurden die niedergermanischen Legionsstandorte von vier auf drei und kurze Zeit später auf nur zwei reduziert. Das erste Legionslager, das aufgelassen wurde, war die Legionsfestung Novaesium, das zweite war Noviomagus (Nijmegen). Im Zuge dieser Lagerauflösungen wurde die Legio VI Victrix aus ihrem Lager in Neuss (Novaesium) in das von der Legio XXII Primigenia verlassene Legionslager Vetera II bei Xanten verlegt. Letztere Legion war der Provinz Obergermanien zugeteilt worden. Nach der Jahrhundertwende entsandten die niederrheinischen Legionen wieder Arbeitsabteilungen in die Steinbrüche an der Brohl. Auch eine Einheit der Legio VI Victrix nahm wieder daran teil. Es muß stark angenommen werden, dass die dortige Baustoffgewinnung zum größten Teil für den Aufbau der von Kaiser Traian (98 - 117 n.Chr.) wohl im Jahre 98 n.Chr. neu gegründeten Colonia Ulpia Traiana (bei Xanten) bestimmt war. Auch von der Legio VI Victrix hergestellte Ziegel waren im gesamten niedergermanischen Raum verbreitet und lassen sich größtenteils anhand des Vorhand- oder Nichtvorhandenseins des Ehrenbeinamens "pia fidelis" im Legionsstempelabdruck in die Neusser oder Xantener Zeit der Legion datieren.

Als Traian in den Jahren 101 - 102 n.Chr. Truppen für seinen ersten Dakerfeldzug benötigte, wurde auch eine der niedergermanischen Legionen, die Legio I Minervia aus Bonna (Bonn), an die Donau abgezogen. Es ist durchaus möglich, dass auch die am Rhein verbleibenden Legionen für den Feldzug Vexillationen (abkommandierte Teileinheiten) stellten. Das Rückgrat der niedergermanischen Grenzverteidigung wurde ab diesem Zeitpunkt von nur zwei Legionen, der Legio X Gemina in Nijmegen und der Legio VI Victrix in Vetera II bei Xanten, gebildet. Diese Legionstruppenstärke erschien ausreichend, da die niedergermanische Rheingrenze inzwischen wohl als recht friedlich und sicher eingestuft wurde. Es ist nicht ganz sicher, wann auch die Legio X Gemina ihren Marschbefehl nach Aquincum an die Donau erhalten hat, aber es muß zwischen den beiden Dakerfeldzügen Traians, wahrscheinlich im Jahre 104 n.Chr., geschehen sein. Da die Legio I Minervia erst im Jahre 107 n.Chr. an den Rhein nach Bonn zurückgekehrt ist, war anscheinend die Legio VI Victrix in der Zwischenzeit die einzige in Niedergermanien anwesende Legionseinheit.

Unter der Regierung Hadrians (117 - 138 n.Chr.) wurde im Jahre 121 n.Chr. noch einmal eine dritte Legion in Niedergermanien stationiert. Es handelte sich dabei um die aus Eburacum (York / Britannien) abgezogene Legio VIIII Hispana, die von diesem Zeitpunkt an, bis zum Jahre 130 n.Chr., das seit dem Abmarsch der Legio X Gemina leerstehende Lager von Noviomagus erneut belegte. In den Jahren 117 - 119 n.Chr. war es zuvor in Britannien zu sehr gefährlichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Briganten gekommen, die die Anwesenheit größerer römischer Truppenkontingente in dieser Provinz erforderlich machten. Es ist durchaus möglich, daß die Legio VI Victrix schon während dieser Auseinandersetzungen, genauer im Jahre 119 n.Chr., als vollständige Legion, wie auch eine Reihe von Vexillationen anderer Legionen, nach Britannien abkommandiert wurde und dort die Feinde noch aktiv mit bekämpfte. Es kann allerdings auch sein, dass sie erst in der Folgezeit, spätestens aber im Jahre 122 n.Chr., bei der Neuorganisation der Verteidigung an der britannischen Grenze durch Hadrian, auf die Insel verlegt wurde.

Der rund fünfzigjährige Aufenthalt der Legio VI Victrix in Germanien wurde durch diese Versetzung beendet. Die Lücke, die ihr Weggang in den Reihen der Rheinarmee hinterließ, wurde durch die aus der Pannonia superior (Oberpannonien) nachrückende Legio XXX Ulpia sofort gefüllt. Zweifellos hat die Sechste Legion die Übergangszeit vom militärischen Verwaltungsgebiet zur Provinz Niedergermanien entscheidend mitgeprägt. Von ihrem ersten Auftauchen bis zu ihrem Abzug aus Germanien, hat sie ihre Spuren hinterlassen. Spuren wie das Siegesmonument bei Xanten, die letzte Ausbauphase des Legionslagers Novaesium, ihr Name auf Ziegeln und Grabsteinen oder die Abbauspuren in den Steinbrüchen des Brohltales. Auch in den ersten Ausbauten der Colonia Ulpia Traiana spiegelt sich die Tätigkeit der Legion wieder. Obwohl der Aufenthalt der Sechsten Victrix am Rhein nur ein kurzes Gastspiel in ihrer Geschichte darstellt, hat sie sich durch diese Spuren bis in unsere Tage in der Provinz Niedergermanien verewigt.

- Victrix / Britannia: Clodius Albinus; auf das falsche Pferd gesetzt -

In Britannien erhielt die Legio VI Victrix schon bald das Lager der Legio VIIII Hispana in Eburacum (York) zugewiesen, nachdem letztere in die Germania inferior versetzt worden war. Eburacum sollte zum längsten Stationierungsort der Legio Sexta werden. Bemerkenswert erscheint, daß die Legion während ihres Britannienaufenthaltes fast überall am Hadrianswall einmal bei Bauvorhaben mitgewirkt hat und im Einsatz gewesen ist, bei seiner Erbauung ab dem Jahre 122 n.Chr. jedoch, wie bisher scheint, nicht aktiv beteiligt war.

In den Jahren 130 - 138 n.Chr. kam es wieder zu Zusammenstößen mit den Briganten. Die Sechste Legion könnte dabei eingesetzt worden sein. Sicher allerdings ist ihr Einsatz unter der Regierung des Antoninus Pius (138 - 161 n.Chr.). Eine erneute Erhebung der Briganten führte in den Jahren 142 - 143 n.Chr. zum Krieg und nach dessen für Rom erfolgreicher Durchführung, zum Bau einer noch weiter nördlich als der Hadrianwall gelegenen Grenzbefestigung. Am Bau dieses in Schottland gelegenen Walles des Antoninus Pius hat auch die Legio VI Victrix mitgewirkt.

Bereits in den fünfziger Jahren des 2. Jahunderts wurden bei den wiederaufflammenden Kämpfen Teile der neuen Grenzanlagen zerstört. Doch hielten sich die Auseinandersetzungen wohl soweit in Grenzen, daß die drei Legionen der Provinz Britannia, die Legio II Augusta, die Legio VI Victrix und die Legio XX Valeria Victrix, alleine, vielleicht aber auch unterstützt durch Vexillationen einiger anderer Legionen, mit ihnen fertig wurden. Belegt ist jedoch nur, daß das durch den Krieg dezimierte britannische Heer später, genauer gesagt im Jahre 158 n.Chr., durch Soldaten der Rheinarmee wieder aufgestockt wurde.

Während der Regierungszeit Marc Aurels (161 - 180 n.Chr.) schlug die Britannienarmee unter dem Befehl des Sextus Calpurnius Agricola in den Jahren 161 - 162 n.Chr. erneut Unruhen nieder. Gleiches geschah unter der Herrschaft des Commodus (180 - 192 n.Chr.), als calledonische Stämme den Wall des Antoninus Pius wiederum durchbrachen und die römischen Truppen in arge Bedrängnis brachten. Zwar gelang es schließlich, die Feinde zurückzuschlagen, doch mußte im Jahre 184 n.Chr. die Reichsgrenze vom Wall des Antoninus Pius wieder an den Hadrianswall zurückgenommen werden. Im Jahre 191 n.Chr. trat ein Mann die Statthalterschaft in Britannien an, der in den nächsten Jahren noch für große politische Bewegung sorgen sollte. Sein Name war Decimus Clodius Septimius Albinus.

Nach dem Vierkaiserjahr 193 n.Chr. stand dem von den pannonischen Legionen an der Donau ausgerufenen und später vom Senat bestätigten Thronprätendenten Septimius Severus (193 - 211 n.Chr.) der in Syrien ausgerufene Gegenkaiser Pescennius Niger (193 - 195 n.Chr.) gegenüber. Um gegen Niger freie Hand zu haben, schaltete Septimius Severus einen weiteren potentiellen mächtigen Thronanwärter dadurch aus, dass er ihm die Erhebung zum Caesar und damit Hoffnungen auf die Thronfolge offerierte. Jener mögliche Gegenkaiser war der Statthalter von Britannien, Clodius Albinus. Geblendet von der Offerte des Severus hielt er auch wirklich still, während letzterer in den Jahren 194 - 195 n.Chr. Pescennius Niger im Osten erfolgreich niederwarf. Doch Albinus sah sich in seinen Erwartungen getäuscht, als Septimius Severus im Jahre 195 n.Chr. seinen Sohn Lucius Septimius Bassianus, genannt Caracalla, zum Caesar erhob. Albinus, der über eine große Zahl von Sympathisanten verfügte und dem als Statthalter die drei britannischen Legionen sowie die Hilfstruppen unterstanden, reagierte auf diese Handlung des Septimius Severus sofort, indem er sich Ende des Jahres 195 n.Chr., bzw. Anfang 196 n.Chr., von seinen Soldaten in Britannien zum Augustus ausrufen ließ. Schon bald darauf setzte er mit einem Heer, dem auch die Legio VI Victrix angehörte, von Britannien nach Gallien über, wo er in Lugdunum (Lyon) sein Hauptquartier bezog. Seine Hoffnung, dass sich nach einem Sieg über den Statthalter der Germania inferior, Truppen der Rheinarmee ihm anschließen würden, scheitere ebenso, wie seine Absicht nach Italien einmarschieren zu können. Sein Kontrahent Septimius Severus hatte nähmlich in aller Eile die Alpenpässe durch seine Truppen sperren lassen.

Im Winter des Jahres 196/197 n.Chr. riss Severus schließlich die Initiative an sich und fiel in Gallien ein. Dort stellte er, nach erfolgreichen Vorgefechten, die Armee des Clodius Albinus am 19.2.197 n.Chr. bei Lugdunum zur entscheidenden Schlacht. Beide Heere müssen bei ihrem Aufeinandertreffen ziemlich stark gewesen sein. Auf der Seite des Albinus war auch in dieser Schlacht die Legio Sexta vertreten. Cassius Dio (155 - 235 n.Chr.) berichtet in seinem Werk über die Römische Geschichte von dem sehr wechselhaften Verlauf dieses entscheidenden Treffens. Für die zwei Gegner, Severus und Albinus, stand alles auf dem Spiel. Von den Truppen des Septimius Severus geschlagen, ergriff der linke Heeresflügel seines Gegners die Flucht zurück in sein Lager. Die nachsetzenden Sieger dezimierten die Reihen der Fliehenden zusehends. Ganz anders entwickelte sich das Schlachtglück an einer anderen Stelle des Schlachtfeldes. Auf dem rechten Flügel war es den Einheiten des Clodius Albinus gelungen, ihre Feinde durch einen Trick in versteckte Fallgruben zu locken. In der dabei entstandenen Verwirrung unter den severischen Soldaten konnten viele von ihnen getötet werden. Septimius Severus erkannte die sich anbahnende Gefahr und eilte seinen bedrängten Truppen mit der Prätorianergarde zur Hilfe. Als jedoch auch der Einsatz dieser Entsatzeinheiten in einem Fiasko zu enden drohte, und nachdem Severus durch den Verlust seines Pferdes auch noch selbst in Gefahr geraten war, soll er sich persönlich kampfbereit unter seine fliehenden Männer gemischt haben um sie zur Standhaftigkeit zu bewegen. Angeblich gelang es ihm seine Truppen dadurch noch einmal zu mobilisieren und die sie verfolgenden Feinde in die Flucht zu schlagen. Allerdings müssen dabei auch viele der eigenen Leute durch die erneut vorrückenden Kameraden irrtümlich getötet worden sein. Ein Flankenangriff seiner Reiterei im richtigen Moment entschied schließlich die Schlacht zu Gunsten des Septimius Severus (Cassius Dio LXXVI 6).

Clodius Albinus starb auf der Flucht an einem Dolchstich. Laut Cassius Dio soll er wegen der Ausweglosigkeit seiner Lage Selbstmord verübt haben. Sicher zu belegen ist jedoch diese Tatsache nicht. Aus den Prätendentenkämpfen war somit Septimius Severus als neuer Alleinherrscher hervorgegen. Doch der Sieg über seinen letzten Konkurrenten hatte auf beiden Seiten gewaltige Opfer gefordert. Auch die Reihen der Sechsten Legion dürften schwer gelichtet worden sein. Die Siegreiche stand zum ersten Mal auf der Seite der Verlierer.

- Victrix / Britannia: Vom Tod in Eburacum bis zur Zeit der Sezessionen -

Um weiteren potentiellen Machtkonkurrenten vorzubeugen, teilte Septimius Severus daraufhin die Provinz Britannia in Britannia inferior und Britannia superior auf. Die Legio VI Victrix bildete fortan die einzige Legionsbesatzung von Niederbritannien. In ihrem weiterhin belegten Standlager Eburacum starb, nach erfogreichen Feldzügen, die seit 208 n.Chr. die römischen Truppen bis zum Morray Firth in Caledonien geführt hatten, Septimius Severus am 4.2.211 n.Chr.nach schwerer Krankheit.

Im Verlauf des 3. Jahrhunderts n.Chr. verwischen sich die Berichte über die Geschichte und die Aktivitäten der Legio VI Victrix. Sicher ist nur, daß die Legion in den fünfziger Jahren Vexillationen an die Rhein- und Donaugrenze abstellte, wo Kaiser Gallienus (253 - 268 n.Chr.) einen verzweifelten Abwehrkampf gegen die die Reichsgrenzen berennenden Germanenstämme führte.

Mit der Ausrufung des Pustumus zum Gegenkaiser in Köln im Jahre 260 n.Chr. beginnt eine insgesamt vierzehnjährige Abspaltung der britannischen, gallischen, spanischen und germanischen Provinzen vom Reich. Diesem sogenannten "Gallischen Sonderreich", dem Britannien bis zum Tod des Postumus im Jahre 268 n.Chr. angehörte, ist in dieser Zeit auch die Legio VI Victrix zuzurechnen. Über ihre vorauszusetzenden kontinentalen Aktivitäten innerhalb dieser Zeitspanne ist allerdings nichts bekannt. Der Aufenthalt der britannischen Provinzen und damit der Legion innerhalb des Reichsverbandes währte nur ganze 18 Jahre.

Bereits im Jahre 286 n.Chr. spalteten sie sich als sogenanntes Britannisches Sonderreich unter der Führung des Flottenpräfekten Carausius (286 - 293 n.Chr.) erneut vom Reich unter der Regierung Diokletians (284 - 305 n.Chr.) ab. Diese Spaltung, die Allectus in den Jahren 293 - 296 n.Chr. fortführte, dauerte ganze 10 Jahre. Außer dass die Legio VI Victrix noch immer in Eburacum stand, ist von ihr aus dieser Zeit nichts bekannt.

- Victrix / Britannia: Spuren ins Dunkel der Geschichte -

Constantius Chlorus 305 - 306 n.Chr. leitete im Jahre 306 erfolgreich die Abwehrkämpfe gegen die in britannischen Provinzen einfallenden Pikten, ehe er am 25. Juli des gleichen Jahres im Hauptquartier der Sechsten Legion zu Eburacum starb. Diese Kämpfe dürften die letzten gewesen sein, an denen die Legion in annähernd alten Strukturen teilgenommen hat. Die Umstrukturierungen die das Heer der Spätantike gegenüber dem der mittleren Kaiserzeit, zuerst unter Constantin I. (306 - 337 n.Chr.) und später unter Valentinian I. (364 - 375 n.Chr.), erfahren hat dürften, wie auch bei den meisten anderen ehemaligen alten Armeeinheiten sehr rasch dazu geführt haben, dass auch die Legio VI Victrix nach und nach zu einer zweitrangigen Grenzeinheit herunterkam. Die neue Macht waren nun die aus aus den besten Einheitem zusammengezogenen Elitetruppen des Comitatensischen Bewegungsheeres im Provinzhinterland.

Mit einem Eintrag in der Notitia Dignitatum, einem Verwaltungshandbuch aus dem frühen 5. Jahrhundert n.Chr., dessen Angaben teilweise auch bis um 300 n.Chr. zurückreichen, verabschiedet sich die Legio VI Victrix pia fidelis als nachvollziehbare Einheit aus der Geschichte. Die auf diokletianische Zeit zurückgehende Eintragung rechnet die Legion unter den Oberbefehl des Dux Britanniarum und lautet: "Praefectus legionis sextae victricis Eburaci"